en Hill 160 (10/2014)

Textadventure ★★★★☆☆☆☆☆☆   [?]
von Mike Gerwat
Publisher:keine

Die opulente Geschichte des britischen Soldaten Matey im Ersten Weltkrieg August 1915 an der französischen Front.

36. von 42 Plätzen auf der 20. IF-Comp 2014.

Review von proc 23.10.2014

Inhalt/Feelies:Walkthrough, Maps
Plattform:Glulx
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» Genres » Historisch » Moderne (ab 1800 n. Chr.) » Erster Weltkrieg
» Spieler-Charaktere » Soldat & Polizist
» Regionen » Europa » Frankreich
» Internationale Wettbewerbe & Projekte » Interactive Fiction Competition » 20. IF-Comp 2014

Review von proc 23.10.2014     ausblenden

Dieser Beitrag enthält Spoiler, die den Spielspaß verderben. Wer das Spiel noch nicht gespielt hat, sollte nicht weiterlesen.

Was habe ich mich auf dieses Spiel gefreut, offenbar die erste große Historien-IF im Umfeld des Ersten Weltkriegs überhaupt! Jedes ansatzweise bedeutende History-Thema von den alten Hochkulturen über Mittelalter, Neuzeit, das Viktorianische England, Vietnam und dem Mauerfall hat seine Spiele, nicht jedoch die Urkatastrophe des modernen Europa schlechthin, nicht einmal zu ihrem 100. Jahrestag. Meines Wissens ist dies das erste IF-Spiel überhaupt, das sich ernsthaft mit dem Ersten Weltkrieg auseinanderzusetzen versucht. Ganz besonders hätte mich die britisch-amerikanische Sicht der Dinge interessiert zumal das Spiel schon im deutschen Geschützhagel beginnt – aber es ist nicht möglich. Zwei Stunden lang habe ich versucht, mich durch dieses Spiel zu quälen, zwei Stunden lang bin ich an technischen und konzeptionellen Details gescheitert. Ich will es gar nicht detailliert ausführen, weil es unterm Strich so traurig ist: Der Protagonist, ein im Herbst 1915 fünfzehnjähriger britischer Hauptgefreiter an der französisch-belgischen Frontlinie, weiß zu keiner Zeit, was er zu tun hat, kann sich praktisch mit niemandem vernünftig unterhalten und eigene Erkundungen werden zumeist abgelehnt. Dafür muss er zum Schlaf Ratten erlegen, für die Nadeln, Helme oder das Bajonett nicht ausreichen, sondern nur eine Schaufel. So geht es weiter, das Spiel ist völlig unterimplementiert und folgt nur den vom Autor vorgesehenen Gedankengängen. Ich halte es in dieser Form für unspielbar.

Das kann ja zukünftig alles ausgemerzt werden, zumal jetzt schon eine noch umfassendere Postcomp-Version angekündigt ist. Das eigentliche Problem an diesem Spiel ist dessen gefühlte inhaltlich Leidenschaft, die Genauigkeit und intensive Recherche, die diesem Opus zugrunde liegt im direkten Vergleich zum Ergebnis. Es muss ein Opus sein, wie ein Blick auf die beigelegte Map verrät, von der ich vielleicht gerade mal ein Zehntel unter widrigsten Umständen erspielen und doch so viel aus dem Innenleben des Schützengrabens mitbekommen konnte. Von Leichenbergen, die noch nicht begraben werden konnten und dennoch lebensrettenden Schutz vor der Artillerie bieten, von Bombenkratern die mit Grundwasser vollaufen, von marodierenden Ratten und den Individuen im Zug, Handwerker, Intellektuelle, Dumpfbacken, sogar ein amerikanischer Fremdenlegionär ist dabei von dem ich etwas über Coca Cola lerne, die es 1915 tatsächlich nur den USA gab; über meine üppige Ausrüstung von der Schaufel bis hin zu Nähnadeln, Zwirn und Ersatzknöpfen und selbst über die Führungsstruktur des Zugs mit Feldwebel Grant, der niemals einen Gefreiten im Stich lassen würde und mit Offizieren nur Probleme hat. Diese Geschichte scheint mir zumindest versuchen zu wollen, ein historisches Bild von diesem schmutzigen wie sinnlosen Krieg aus einer Alltagsperspektive an der Front zu zeichnen und sich an Fakten zu halten, womit sich der Autor nach eigenen Angaben immerhin seit vierzig Jahren beschäftigt. Es ist einfach nur ein Jammer, dann ein solches Ergebnis zu erhalten, und es tut mir unendlich leid dafür.

No rating, ich wünsche dem Autor die Energie und Motivation, doch noch ein halbwegs spielbares Spiel daraus zu machen. Vom Inhalt her würde mir jedenfalls »halbwegs« ausreichen, es ist einfach an der Zeit für solch ein Spiel.

Zuletzt geändert am 23.10.2014 00:54 Uhr.

Hill 160
Cover-Artwork
Hill 160
Glulx (Intro)