en Laterna Magica (10/2014)

Multiple Choice-Textadventure ★★★☆☆☆☆☆☆☆   [?]
von Jens Byriel
Publisher:keine

Ein sophistisches Selbstgespräch, das mit dem Seinsgrund der »Laterna Magica« beginnt und sich darin verliert.

Letzter von 42 Plätzen auf der 20. IF-Comp 2014.

Review von proc 04.10.2014

Plattformen:Twine, Online
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Review von proc 04.10.2014     ausblenden

Dieser Beitrag enthält Spoiler, die den Spielspaß verderben. Wer das Spiel noch nicht gespielt hat, sollte nicht weiterlesen.

Da muss ich leider etwas ausholen, weil dieses Spiel eine nach meinen Erfahrungen typische Twine-Tendenz zu transportieren scheint. Leider, weil dieses Spiel sonst allenfalls eines Zehnzeilers würdig wäre. Kurzer Hintergrund zum Spiel vorab: Der Autor versuchte sich offenbar zuletzt 2007 in Inform an einem  Western als seinerzeit einziger Beitrag zu  Scott Adams' Ghost Town Redux und startet nun ein Twine-Comeback.

Die »Laterna Magica« steht für eine Projektionsvorrichtung, dessen Funktionsweise seit der Antike Generationen von Naturphilosophen beschäftigt hatte (übrigens bis heute z.B. in der Röntgenastronomie, wo materiebehaftete Linsen oder Spiegel weiterhin versagen). Man nehme einen dunklen Raum, bohre ein Loch und schaue, was durchscheint. Ist das Loch weder zu groß noch zu klein, wird die Außenwelt kopfstehend projiziert. Eine klasse Sache, weshalb heute noch Schüler Löcher in Bierdosen stupfen, unter der Bettdecke 50-ASA-Diafilm reinlegen, das ganze lichtdicht zugekleben und an den ulkigsten Orten wie z.B. auf Grabsteinen im Friedhof eine Minute lang hinstellen. Das ergibt tolle Weitwinkelaufnahmen mit geisterhaft-verschwommenen Leuten drauf, was sich heute mit der Newton-Huygenschen Optik erklären lässt wie sie in der ersten Sekundarstufe gelehrt wird und dennoch unbegreifbar scheint. Hat schonmal jemand einen Lichtstrahl gesehen, der nicht eine Alltagsanalogie gewesen sein könnte? Nach Newton Korpuskel, nach Huygens Maxima von Wellenüberlagerungen - Einstein und die heutige Quantenelektrodynamik lassen wir mal weg -, beides weder richtig noch falsch, sondern Denkmodelle, die Komplexität reduzieren und dennoch praktisch anwendbar sind.

Denkmodelle gab es auch in der Antike und im Mittelalter, die der Autor aufzugreifen scheint, indem er den Spieler im Wohnzimmer bei »sanfter« (wohl esoterischer Lounge-)Musik die Augen schließen und ihn sich unvermittelt die ontologische Frage nach dem Wesen der Laterna Magica stellen lässt. Diese letzte aller denkbaren Fragen in dieser Situation erschlägt er recht sophistisch: Handelt es sich um die (platonische) Idee, die uns über ein göttlich-kosmisches Experiment erleuchtet? Oder um eine (aristotelische) physikalische Illusion von Bewegung, die erstmal gar nichts in naturphilosophischen Diskussionen der vergangenen Jahrhunderte zur Optik zu suchen hat? Und schon geht es weiter, das kosmische Experiment an sich oder alternativ die Bewegungsillusion an sich zu hinterfragen. Mit weiteren Hinterfragungen entstehen Kreise, die von Frage 7 zurück auf 3 usw. führen und den sophistischen Multiple Choice-Test früh schon zäh erscheinen lassen. Nur die Frage, wieviele Engel in ein pinhole passen, bleibt dem Spieler erspart. Am Endpunkt angelangt (mir ist nur einer aufgefallen) folgt die Option, in Nietzsches Ewiger Wiederkehr des Gleichen von vorn zu beginnen oder mit einer passenden Option wieder quereinzusteigen, ein finales Ende blieb mir ebenso verborgen wie eine befriedigende Antwort zur Ausgangsüberlegung, wenn es schon keine Handlung gibt. Das lässt die Fragen entweder mehr als Gebabbel erscheinen denn als zielführende Gedanken oder eben beides im Sinne einer Kritik am philosophischen Denken überhaupt, wobei sich dann das Denken über das Denken rein denkerisch ad absurdum führen würde.

Den Spielansatz fand ich gar nicht schlecht, denn letztlich erscheint das Spiel als Wanderung oder vielmehr kurzes Gestolpere durch die abendländische Philosophiegeschichte. Von der aristotelischen Bewegungslehre zum Descarteschen Zweifel, von dort wiederum zum lauschenden Naturalismus eines Rousseau, um in der neoplatonischen Hinterfragung des höheren Selbst in den eigenen Gedanken wieder bei Sokrates' dialektischen Frage-Antwort-Spielchen zu landen und den Zirkel von neuem zu beginnen, dann bei den richtigen Klicks mit neuen Richtungen und neuen Zirkeln über den bis heute das Denken bestimmenden Platonismus und die rationalistische Aufklärung oder den ausschließlich das Selbst denkenden Existenzialismus. Bei aller Liebe zur Philosophiegeschichte bleibt das Grundmotiv der Laterna Magica substanziell außen vor und erscheint nur formal in der Projektion der Fragen: Man nehme einen dunklen Raum (die schwarze Twine-Seite), bohre ein Loch (die jeweilige Eingangsfrage) und schaue, was durchscheint (eine von zwei konträren Antwortmöglichkeiten). Wären die Projektionen wenigstens argumentativ so zwingend wie sie optisch kopfstehend sein müssten und nicht spätestens nach dem dritten Klick langatmig langweilig, könnte ein Schuh draus werden. Mir hat letztlich das orgelpunktartige Motiv des philosophischen Wunderns über die Ausgangsfrage gefehlt: Die Idee der Strahlen oder Wellen vs. Teilchen oder Materie (eine bis heute gepflegte Zwietracht), die Steigerung zum Sein schlechthin vs. Denken und Illusion davon, zu Analogien des Alltagslebens und vor allem des Alltagstodes, an denen Naturgelehrte bis heute verzweifeln und deren Betrachtung weitreichende Folgen von Galilei bis Einstein, von Aristoteles bis Wittgenstein und jeweils darüber hinaus hatten und haben. Darüber lässt sich sehr viel recherchieren, konzipieren und unzirkelhaft stringent fragen, wobei Twine offenbar mehr zu Gebabbel in aller Kürze verführt. Ich habe bei diesem Spiel einmal mehr den Eindruck, Autoren wählen gerne Twine, um recht gute Spielideen mit möglichst wenig inhaltlichem und technischem Aufwand umsetzen zu können - und sie am Ende damit unbeabsichtigt (unterstelle ich mal) zu vernichten.

Zuletzt geändert am 05.10.2014 00:00 Uhr.

Laterna Magica
Cover-Artwork
Laterna Magica
Twine