en Sunday Afternoon (09/2012)

Vater und Mutter sind in Oxford, Onkel und Tante passen auf den Spieler auf. Großes soll einmal aus ihm werden, doch er will nur eins: Raus aus dieser Enge einer wohlhabenden britisch-viktorianischen Familie 1892.

Das unter dem Pseudonym »Virgil Hilts« veröffentlichte Spiel erreichte auf der IF-Comp 2012 den 5. von 28 Plätzen.

Marius Müller übertrug das Spiel unter dem Titel An einem Sonntag Nachmittag ins Deutsche.

Review von proc 12.10.2012

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Review von proc 12.10.2012     ausblenden

Dieser Beitrag enthält Spoiler, die den Spielspaß verderben. Wer das Spiel noch nicht gespielt hat, sollte nicht weiterlesen.

Ein merkwürdiges Fluchtspiel aus einer britisch-viktorianischen Villa im Jahr 1892, bei dem ich als junges Kind zunächst im Wohnzimmersessel gefangen bin. Tante Emma passt bibellesend auf mich auf und lässt mich nicht gehen. Die Flucht besteht nun darin, alle möglichen Konversationsthemen vom Nippes am Kamin bis zur Predigt in meiner Hand durchzuprobieren. Es ist etwas müßig, ich habe eine halbe Stunde gebraucht, um dies überhaupt zu begreifen und dem Sessel erstmals entfliehen zu können und mich dann in einer Art flashforward in einem Schützengraben 1916 wiederzufinden. Da mir schon mitgeteilt wurde, dass aus mir mal etwas werden soll, hat mich diese Situation nicht sehr überrascht, zumal ich ohnehin nach wenigen Zügen wieder im Sesselgefängnis lande. Diese Fluchtsituation dreimal erlebt, hat die Spielmotivation dann doch etwas nachgelassen. Nun geht es mit neuen Rätseln in engen Räumlichkeiten darum, das Haus zu verlassen.

Im Eindruck, da soll ein ernsthaftes Thema rübergebracht werden, habe ich mich mit dieser rätselhafte Predigt aus der 1. Chronik Kapitel 6 Verse 1-15 in meiner Hand beschäftigt, auf die ich mir keinen Reim machen kann. Kurz in der Konfirmationsbibel recherchiert haben es darin Levis und seine Nachkommen vierzehn Generationen lang ordentlich getrieben, um dann einfach nur ohne weitere Aussage existiert zu haben. Das soll wohl die Aussage sein, und spätestens da habe ich mich in den Walfischbauch gewünscht, denn aus dem Sessel final entronnen sitzt Onkel Stephen pfeiferauchend im Studierzimmer und muss – wie auch Tante Emma – dazu gebracht werden, mich unbemerkt aus der mittlerweile auch spielerisch hinreichend erfahrenen Enge des Hauses schleichen und damit das Finalziel erreichen zu können.

Ich kann zumindest für den Anfang nicht sagen, mir habe das Spiel nicht gefallen: Nebenbei erhalte ich zwangsläufig Silhouetten einer bedrückenden Lebensgeschichte, die den erzählerischen Kern des Spiels bildet. Ich kann aber auch nicht behaupten, nach einer Stunde begeistert weitergespielt zu haben, weil die Fluchtszenarien so schwierig und daher häufige Wiederholungen geschweige denn Verzweiflung unvermeidbar sind. Ein schwer einzuschätzendes Spiel, handwerklich hervorragend gemacht, das in wenigen Ansätzen an den Nelson-Klassiker Curses! von 1994 erinnert, aber viel zu oft in Durchprobiersituationen kippt und mich damit irgendwann zu langweilen beginnt. Aus meiner persönlichen Sicht ist hier der Versuch gescheitert, spielerisch ein schon etwas angebissenes, aber doch noch interessantes Thema zu vermitteln. Inhaltlich fehlt an sich nur ein neues Element, das so noch nicht erzählt wurde.

Beispielsweise eine gelungene Flucht, die dennoch tragisch endet wie im Kinokracher » Gesprengte Ketten (1963), der offenkundig Pseudonym und Titel Pate stand. Captain Virgil Hilts (Steve McQueen) organisierte darin eine tragisch endende Massenflucht aus einem deutschen Kriegsgefangenenlager 1944. In den USA war der Film jahrelang ein  Sonntagnachmittags-Renner. Darüber und über ein Fluchtszenario an sich hinaus gibt es aber keine Gemeinsamkeit.

Fazit: Gut poliertes Fluchtspiel, das eine Lebensgeschichte in der Enge einer wohlhabenden britisch-viktorianischen Familie erzählen will, aber nicht so richtig kann.

Zuletzt geändert am 12.10.2012 16:01 Uhr.

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