en Cana According to Micah (09/2011)

Die  Hochzeit zu Kana, auf der Jesus dem Johannes-Evangelium gemäß sein erstes Wunder vollführte und Wasser in Wein verwandelte, läuft auf Hochtouren und der Wein ist alle. Der Spieler Micah ist Diener der Hochzeitsveranstalter und könnte die Gesellschaft noch retten. Das unter dem Pseudonym »Rev. Dr. Stephen Dawson« veröffentlichte Spiel erreichte auf der IF-Comp 2011 den 9. von 38 Plätzen.

Review von proc 08.10.2011

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Review von proc 08.10.2011     ausblenden

Dieser Beitrag enthält Spoiler, die den Spielspaß verderben. Wer das Spiel noch nicht gespielt hat, sollte nicht weiterlesen.

Ein faszinierendes und kurzweiliges Spiel, das ich nach zwei Stunden nur anspielen konnte und mich dennoch tagelang weiter damit beschäftigen könnte. Daher geht es im ersten Teil dieses Reviews vor allem um den Kontext der Geschichte: Auf der  Hochzeit zu Kana, wie im  Johannes-Evangelium beschrieben, bewirkte Jesus sein erstes Mirakel und verwandelte Wasser in Wein. Dieses Weinwunder verhindert bis heute einen Alkoholverzicht der christlichen Kirchen und hinterlässt einige offene theologische Fragen, warum er etwa Maria so schroff abwies, ihren Weinwunsch aber dennoch erfüllte, und warum er sich nicht den Notleidenden und Verstoßenen widmet, sondern der Völlerei einer reichen Gesellschaft mit über fünf Hektoliter Wein.

An dieses Thema wagt sich der Erzähler „Reverend Dr. Stephen Dawson“ bibelauslegend, und zwar datiert auf das Jahr der Weltausstellung 1893 in Chicago, während der auch das  Weltparlament der Religionen erstmals zusammentraf. Aus der Vorrede geht hervor, dass es dem Autor um Auslegungsmöglichkeiten dieser biblischen Geschichte geht. Die verwendete Sprache und die Rätsel sind dabei recht unterhaltsam, der Plot schnell erzählt: Auf der Hochzeitsgesellschaft geht der Wein aus und der Spieler Micah, ein höherer Diener des veranstaltenden Clopas-Klans, hat für Nachschub zu sorgen.

Hier beginnen die Spoiler...

Oder auch nicht, denn der Spieler wird zum Hermeneutiker, indem er Micah frei über das weitere Vorgehen entscheiden lassen kann. Während der Erkundung der überschaubaren Räumlichkeiten im Garten und im Haus entsteht ein Beziehungsgeflecht zwischen den filigran ausgearbeiteten Personen, deren Ergründung Lösungswege offenbart, die ihrerseits Entscheidungen erfordern. Im Zentrum steht Rabbi Zechariah, dessen Sohn eingangs in die Gesellschaft eindringt und der nach Auskunft der Soldaten verhaftet werden soll. Man kann ihm helfen oder es bleiben lassen: Die Geschichte verändert sich mit den eigenen Entscheidungen. Dabei ist die kleine Hin-Waise Anna sehr hilfreich, die Micah durch das Spiel hindurch verfolgt „wie die Art von Schüler, die kein Prophet je haben möchte“. Ein zusätzliches Hintsystem gibt weitere Hinweise über die Figuren und deren mögliche Bedeutung.

Das Spiel ist vorbildlich implementiert, hinter dem Pseudonym verbirgt sich offenbar ein erfahrener Autor. Am meisten hat mich die Entwicklung der Figuren beeindruckt, die im Laufe des Spiels einen immer plastischeren Charakter bekommen. Ich traue mich nicht, mehr über das Spiel zu sagen bevor ich es nicht ein, zweimal durchspielen konnte. Ein klarer Favorit der IF-Comp!

Zuletzt geändert am 08.10.2011 13:03 Uhr.

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