de Nils' Bohrmaschine (04/2026)

Textadventure ☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆
von Olaf Nowacki
Publisher:keine

»Wenn man vergisst, ausgeliehenes Werkzeug beizeiten zu retournieren, ist man dem Verleiher etwas schuldig.« Über eine Bohrmaschine und die Tücken moderner Selbstbedienungskassen.

Siegerbeitrag zum Interactive Fiction Grand Prix 2026.

Review von proc 07.05.2026

Inhalt/Feelies:I7 Quellcode
Plattformen:Glulx, Online
Downloadlinks:
Weblinks:

» Genres » Real Life
» Technik » Quelltext verfügbar » Inform 7 » I7 deutsch
» Deutschsprachige Wettbewerbe und Projekte » Grand Prix » IF Grand Prix 2026

Review von proc 07.05.2026     ausblenden

Dieser Beitrag enthält Spoiler, die den Spielspaß verderben. Wer das Spiel noch nicht gespielt hat, sollte nicht weiterlesen.

Ich möchte mal etwas anders herangehen und eine inhaltliche Interpretation wagen, die eine Selbstbedienungskasse als Metapher einer verrückt gewordenen Welt liest, in der die zunehmende digitale Erfassung und umfassende Überwachung niemanden mehr zu stören scheint. Ein paar technische Anmerkungen am Schluss.

Der Twist. Nils’ Bohrmaschine beginnt mit der unspektakulären Aufgabe, seinen Einkauf im Supermarkt zu bezahlen und nach Hause zu verschwinden. Der Schauplatz ist das „Selbstzahlergehege“ einer Selbstbedienungskasse, beobachtet von Servicebediensteten. Eine Schranke verhindert den Diebstahl, ohne Bezahlung verbleibt man in diesem Knast. Aha, eine One-Room-Escape-Satire.

Nun schleppe ich allerdings noch Nils’ Bohrmaschine mit mir herum, die ich viel zu lange ausgeliehen hatte und endlich dem Besitzer zurückbringen will. Für sich genommen eine surreale Konstellation, ich war jedenfalls noch nie mit einer Bohrmaschine einkaufen. Wie auch immer, simpel genug: Bezahlen und Tschüss.

Hier beginnen nun Spoiler, die den Spielspaß verderben. Aber so richtig!

.

.

.

.

.

Wie gesagt, harte Spoiler, besser wegklicken!

.

.

Das Hier. Mit satirischem Blick auf eine Supermarktwelt kommen Schulklassen, eine Studentin und der moderne Mann mit Kleinkind beim Windelkauf spielend mit der Kasse zurecht. Mich demütigend kauft auch noch eine alte Frau in spielender Leichtigkeit ihr Graubrot mit einem Pfefferminzteebeutel und geht „langsam wie eine Schildkröte“ hinaus, während ich selbst an der Kasse verzweifle. So muss sich Achilles gefühlt haben, der die Schildkröte nicht einholen konnte.

Ich komme aus dieser Welt mit einer Schranke als Gefängnistür nicht ohne korrekte Bezahlung heraus. Der Servicemitarbeiter als materialisierter Missbilligungsblick dient hauptsächlich als Wärter. Dazu kommt das Titelobjekt, ein handfestes Werkzeug wie eine Gun, die Dinge durchbohren, zerstören oder öffnen könnte. Doch so viel ich auch bohre, der Service sieht keinen Regelverstoß.

Erbohrt wird stattdessen eine Unwirklichkeit, die in eine Escher-artige Schleifenmechanik kippt, indem das ganze Spiel von vorn beginnt. Oder wenn man beim vermeintlichen Verlassen etwas vergisst, etwa die EC-Karte stecken lässt oder eine Banane unbezahlt aufgegessen hat, auf die Waage klettert oder tanzt, ja selbst wenn man alles richtig gemacht und sich systemkonform verhalten hat. Die Schleifenstrafe folgt immer, das Scheitern ist ins Spiel integriert und das Ringen mit der Kasse wird zum Ringen mit einer instabilen Wirklichkeit, was sich auch im neuen Untertitel „Eine interaktive Zeitschleife“ äußert.

Die Schleife gibt dem Spiel eine neue Struktur, man kann keine Fehler machen, denn die ganze Ausgangssituation war offenbar ein Fehler. Das spiegelt sich auch im Supermarktalltag wider, der nun verändert aus vorbeieilenden Stormtroopern oder einer Matrix-Szene besteht. Anspielungen auf Escher-Welten oder Meta-Überlegungen zu MacGuffins, Tschechows Gewehr oder Schrödingers Katze machen die Supermarkt-Realität immer poröser; das Selbstzahlergehege wird zusehends zu einer dystopischen Kontrollzone.

Ab da werden die Fehler auch benannt; „Das war also die Parallelwelt, in der du…“ zu viel bezahlst, die Kasse zerstörst usw., es gibt sehr viele Möglichkeiten von Fehlern. Nur eine Option scheint zum Ausgang zu führen: Die korrekte. Also versuchen wir’s in Selbstdisziplin und machen nach dem bisherigen Drill alles richtig.

Die Macht. Nun ein gewagter Einschub vor dem Hintergrund aktueller Debatten zu Überwachung, digitale Erfassung und staatliche Eingriffe: Bis dahin erinnerte mich das ganze Setting an Michel Foucaults Ausführungen über das Überwachen, Strafen, über Macht und Wissen, die alle um Disziplinierung kreisen. Beim von Foucault als zentrales Beispiel herangezogenen Panopticon Jeremy Benthams 1791 als Sinnbild dafür geht es um Anstalten – seien es nun Gefängnisse, Fabriken oder heute eben Supermärkte –, in denen Wärter alles beobachten und strafend eingreifen können. Man muss sie nicht direkt wahrnehmen, entscheidend ist das Wissen um die Überwachung so dass die Regeln selbstdiszipliniert eingehalten werden. Die Selbstzahlerkasse ist in dieser Sichtweise kein neutrales Werkzeug, sondern verteilt Rollen, erzeugt korrekte und inkorrekte Handlungen und lässt die Überwachungsarbeit an sich selbst vollziehen. Man wird nicht bedient, sondern zum ausführenden Teil der Ordnung.

Das Ich. Nun steigert der Autor die Instabilität dieser wahrgenommenen Realität noch, indem ein Portal erscheint. In erster Enttäuschung beginnt dahinter eine neue Schleife, doch der Service besteht fortan aus einer Mitarbeiterin und der Twist um Besitz und Schuld ändert sich. Wurden zuvor Waren verbucht, ist es mit dem Portaldurchgang die eigene Identität. Das Portal ist keine Belohnung für eine richtige Handlung, es erscheint nicht, weil man korrekt wiegt und scannt oder die Bohrmaschine sinnvoll benutzt: Es erscheint, weil man hinreichend lange in der bisherigen Schleifen- und Parallelwelt gefangen war. Das Portal ist der Moment, in dem sich die Realität äußert: Zuvor steckt man in der Alltagsmaschine aus Scannen, Wiegen, Zahlen, Quittung vorzeigen. Nach einigen Schleifen wird klar, dass nicht nur die Kasse absurd ist, sondern diese Realität insgesamt.

Die Welt. Das ist vielleicht der bitterste Gedanke dieses kleinen Spiels: Am Ende entkomme ich nicht durch Überlistung des Systems. Auch nicht, weil die Regeln falsch gewesen wären. Ich entkomme durch Verinnerlichung der Regeln und Rollenwechsel. So gesehen kann die Selbstzahlerkasse als Versuchsanordnung einer Welt gelesen werden, in der Kontrolle nicht als Gewalt auftritt, sondern als Bedienoberfläche. Man scannt, wiegt, bestätigt, tippt, führt ein, hält vor, nimmt mit, vergisst nichts. Die Schranke öffnet sich erst, wenn die eigene Position im System korrekt verbucht wird.

Der Ausgang ist deshalb kein Triumph, denn man verlässt den Supermarkt, nicht aber die Ordnung, die er verkörpert. Die Schuld der Bohrmaschine hat sich gewandelt („Wer war es bloß?“), das Ich verschoben. Ein Aspekt der Schleife ist das Weiterreichen einer Rolle in einem System, das alle Beteiligten zu Kunden, Kassierern, Kontrollierten und Kontrolleuren zugleich macht. Nils’ Bohrmaschine bohrt ein Loch in die beruhigende Vorstellung, man könne einfach bezahlen und gehen, wie es in den 1980ern üblich war – einer Zeit, in der  Kelly LeBrock noch aus dem Homecomputer schlüpfen konnte.

In Form. Die erzählerische Stärke liegt im Erspielen von Aussagen ohne viele Worte. Man darf an der Kasse ohnehin alles nach den Regeln des Systems selbst tun. Dabei zeigen sich technische Kanten, einige klare Absichten werden nicht sauber in Aktionen umgesetzt und führen zu Schwierigkeiten. Der Befehl WIEGE BANANEN wird beispielsweise nicht verstanden, an der umständlichen Bedienung der Waage kann man leicht scheitern zumal TIPPE nur das EC-Tastenfeld bedient und nur DRÜCKE verwendet werden kann. Auch etwa ZAHLE BRÖTCHEN führt nicht zur Bezahlen-Taste weil das Spiel DRÜCKE ZAHLEN erwartet. Und die PIN-Eingabe kostet einige Nerven, intuitive Eingaben wie GIB xxxx EIN, DRÜCK xxxx oder GIB PIN EIN funktionieren nicht und sollten aber akzeptiert werden weil das Spiel ein reales Interface simuliert. Sicherlich sind Reibungen dieser Art bei einem Spiel thematisch passend, das selbst über Interfaces und Bedienzwang spottet, satirische und technische Reibung liegen hier allerdings dicht beieinander.

In Summa. Pfiffige Erzählidee, erstklassige Verzahnung von Schauplatz, Mechanik und Thema, kluger Erzählaufbau, für mich ein großartiges One-Room-Spielerlebnis, das ich ohne Langeweile ein paar Mal durchgezockt habe. Und das nicht ohne Nachdenklichkeit, was ja nun eine echte Satire ausmacht.

Verwendet: Release 2, Serial 260402

P.S.: Das hatte ich noch vergessen, das Cover erinnert mit seinen Vierfarb-Offsetdruck-Rasterpunkten etwas an künstlich überdrehte Pop-Art im Stil von Roy Lichtenstein.

Zuletzt geändert am 07.05.2026 12:01 Uhr.

Nils' Bohrmaschine
Cover-Artwork
Nils' Bohrmaschine
Glulx