en Sentencing Mr Liddell (10/2011)

Textadventure ★★★★★☆☆☆☆☆   [?]
von I.-K. Huuhtanen
Publisher:keine

Auf dem Weg zum Jahrmarkt fällt die kleine Tochter des Spielers in den Fluss. Beim Rettungsversuch taucht er in eine surreale Welt ein, in der er letztlich über sich richten muss um sie zu retten. Das Spiel erreichte auf der IF-Comp 2011 den 19. von 38 Plätzen.

Review von proc 22.10.2011

Plattform:Glulx
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» Adaption & Inspiration » Literatur » Alice in Wonderland
» Genres » Surreal
» Schauplätze » Eisenbahn
» Internationale Wettbewerbe & Projekte » Interactive Fiction Competition » 17. IF-Comp 2011

Review von proc 22.10.2011     ausblenden

Dieser Beitrag enthält Spoiler, die den Spielspaß verderben. Wer das Spiel noch nicht gespielt hat, sollte nicht weiterlesen.

Sowohl der Titel (in etwa “Mr Liddells Verurteilung”) als auch die lyrische Spieleinführung deuten inhaltlich mehr von Kafkas “Prozess” denn von der  “Alice im Wunderland”-Geschichte an, die sich der Autor zum Vorbild genommen hat: “»The time has come«, the teacher says, »to talk of many sins: of wifes and mums and unloved sons (of where it all begins), and why it’s really all your fault, and wheather no one wins.«” In der Rahmengeschichte bin ich als Spieler, in Anspielung an die Vorlage für Lewis Carrolls Klassiker  Alice Liddell (1852–1934), Alistair Liddell und führe den Hutladen meines verstorbenen Vaters weiter. Doch heute ist Familientag angesagt: Ich gehe mit meiner Frau Catherine und dem zweijährigen Töchterchen Liz auf die Kirmes. Auf dem Weg dahin zanke ich mich noch ein wenig mit ihr, dann beginnt die Geschichte.

Hier beginnen die Spoiler...

Am Flussufer rollt der Kinderwagen ins Wasser und versinkt. Egal, ob ich mich noch etwas umsehe, letztlich muss ich rettend hinterherspringen und tauche in eine surreale Alice in Wonderland-Welt hinab, die sich im wesentlichen in den Wagen eines Dampflokzugs abspielt. Dort treffe ich nicht nur auf allerhand surreale Gestalten wie etwa die zentrale Figur des Shisha paffenden Lehrers Mr Larvington, die an Alice erinnern (dort suckelt ein Caterpillar am Opium. eine meiner Lieblingsgeschichten), ich treffe auch lebende und verstorbene Personen aus meinem familiären Umfeld wie den Vater und durchlebe in gewisser Weise die Vergangenheit und die Fehler, die alle Beteiligten damals begangen haben. Die Rätsel fand ich in den vier-, fünf Schauplätzen (je nach Zählung) mit sagenhaften 30 Räumen teilweise recht schwierig, ein Hintsystem gibt aber Hinweise und ein Walkthrough ist über den gleichlautenden Befehl abrufbar.

Einer meiner größten Fehler ist offenbar etwas, das an Dawkins schon etwas in die Jahre gekommene  Memetik erinnert: Eine Art soziale Genetik, wonach Verhaltensweisen der Eltern, Lehrer oder Vorbilder sich auf die Kinder durch bloßes Tun „vererben“. So interpretiere ich jedenfalls eine kritische Stelle des Spiels, in dem Liz als Ferkel unter der Bettdecke meiner Mutter erscheint und herumquiekt. Meine Aufgabe ist es, das Liz-Ferkel zu beruhigen. Was habe ich nicht unternommen, ich habe es gestreichelt, gesungen, gewiegt, geküsst und werde immer wieder darauf hingewiesen, dass ich es schlagen muss. Nun gut, mehrfach geschlagen gibt das Ferkel Ruhe und verschwindet.

Nun wurde ich selbst von Mr Larvington als „little pig“ bezeichnet und die Mutter gibt mir noch den Vierzeiler auf den Weg (frei übersetzt):

„Sprich streng mit deinem kleinen Sohn
Und hau ihn, wenn er schneuzt
Er tut es dir doch nur zum Hohn
Weil er weiß, es reizt.“

Außerdem erhalte ich nach der ersten Ohrfeige die Meldung:

>hit piglet
But it's so tiny...
You hesitate.

Ich habe nicht wenige Rezensionansätze gelesen, in denen die Rezensenten es abgelehnt haben, sich nach dieser Passage der Kindsmisshandlung weiter mit diesem Spiel zu beschäftigen. Doch wird diese Misshandlung sowohl durch die Handlung in einer surrealen Vorstellungswelt als auch durch eine Bemerkung am Ende des Spiels relativiert, das Ferkel auf zweierlei Weise beruhigen zu können. In den zwei Spielstunden habe ich den zweiten Weg allerdings verzweifelt suchend nicht gefunden und bin schon gespannt auf die Post-Comp-Auflösung.

Jedenfalls muss ich als Hausaufgabe des Lehrers während meiner Handlungen im Spiel auch Schlüsselworte sammeln, die sich am Ende zu einem sinnvollen Dreiwortsatz zusammenfügen lassen. Der Lehrer gab mir dazu eine Weisheit mit auf den Weg: “Weißt du nicht, dass die Bedeutung der Dinge immer von außen kommt, es ist nur ihre Sinnhaftigkeit, die du für dich selbst beurteilen musst.“ Je nach Anordnung der final gesammelten Worte werde anders „verurteilt“ oder verurteile mich vielmehr selbst anders. In den Worten geht um das Leben, um das „Wir“ und um Träume, die etwa zu gelebten Träumen oder zu einem geträumten Leben zusammengesetzt werden könnten. Nur ein gelebtes Leben wurde mir bei der beliebig oft wiederholbaren Wortspielerei am Ende verweigert.

Ich fand den Ansatz nicht schlecht, in einer Traumwelt eine Art Bewusstwerdungsprozess mit dem Ergebnis einer Selbstver- oder -beurteilung durchlaufen zu müssen, unter diesem Aspekt müsste ich das Spiel für eine abschließende Bewertung noch einige Male durchlaufen. Wie auch immer, ich sitze am Ende mit Liz und Cat wieder am Ufer und sehe mein Leben mit etwas anderen Augen. Das Spiel ist technisch gut umgesetzt und ich halte die Ferkel-Sequenz auch nach zweimaligem Spielen für eine Mr Liddell selbst belastende und letztlich spielerisch reflektierte Seite seiner Persönlichkeit, um die es in dieser mit ihren Hüten, Mohnblumen oder der Dampflok durchsetzte Symbolwelt geht. Das Spiel ist wohl kein Comp-Favorit, aber ein literarisch interessanter Selbstfindungstrip mit vielen moralischen und amoralischen Reimen und auch Abgründen.

Zuletzt geändert am 22.10.2011 19:48 Uhr.

Sentencing Mr Liddell
Cover-Artwork