en Tenth Plague (09/2011)

Textadventure ★★★★★★☆☆☆☆   [?]
von Lynnea Glasser
Publisher:keine

In diesem kurzen Spiel wird die biblische Geschichte der letzten der  Zehn Plagen nachempfunden, in der alle Erstgeborenen von Mensch und Tier sterben müssen. Die Ägypter lenkten erst mit der Zehnten Plage ein und und ließen Moses und sein Volk ziehen. Der »Religiöse Horror« wird aus der Perspektive des leibhaftig gewordenen Vollstreckers göttlicher Weisung erzählt. Beitrag zur Interactive Fiction Competition 2011 unter dem Namen »Lynnea Dally«, der unter die Haut geht und den 12. von 38 Plätzen erreichte.

Review von proc 18.10.2011

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» Genres » Horror
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Review von proc 18.10.2011     ausblenden

Dieser Beitrag enthält Spoiler, die den Spielspaß verderben. Wer das Spiel noch nicht gespielt hat, sollte nicht weiterlesen.

Lynnea Dally betrat im vergangenen Jahr mit der herausragenden Horrorgeschichte Divis Mortis die IF-Bühne und ordnet diesen Comp-Beitrag als „Religious Horror“ ein. Das Erzählmaterial stammt diesmal aus dem Alten Testament, aus dem die Autorin sich eine der grausamsten biblischen Geschichten herauspickte. Doch der Spieler ist nicht Moses, nicht der Pharao, er ist eine Gestalt aus der Bibelinterpretation: Der Spieler wird zum göttlichen Vollstrecker, zum dunklen Engel der letzten der biblischen  Zehn Plagen.

Die Rahmengeschichte handelt im Exodus (2. Buch Mose), dem Auszug der Israeliten aus der Ägyptischen Sklaverei. Der Pharao weigert sich, sie ziehen zu lassen, und Jahwe schickt den Ägyptern mit jeder Weigerung eine neue Plage bis der Pharao schließlich einlenkt. Dabei unterscheidet sich die letzte Plage fundamental von den anderen neun: Sind diese noch als Naturkatastrophen wie Heuschrecken, Viehpest oder Vulkanausbruch deutbar, zielt die  Zehnte Plage auf religiöse Symbolik oder gar ein Pogrom ab. Alle Erstgeborenen von Mensch und Vieh sollen sterben, auch der Sohn des Pharao.

Hier beginnen die Spoiler...

„Du wurdest in ein Erdenleben geworfen um die zehnte und letzte Plage zu erfüllen“ – Ich habe fortan keine andere Möglichkeit, als mein Werk zu verrichten und kindsmordend von Station zu Station zu ziehen. Mitleid und die Weigerung zum Töten führt zum eigenen Tod. Ich bin trotz meiner Macht über das Leben (XYZZY: “Calling upon magic? You are entirely composed of magic.”) dieser Aufgabe machtlos ausgeliefert und außerdem durch magische Zeichen oder brennendes Pech verletzbar, was einige etwas kniffligere Aufgaben ermöglicht.

Und das alles in einer trockenen und sachlichen Sprache, die unter die Haut geht. Keine dieser vielen biblischen IF-Geschichten kommt so unverblümt auf den inhaltlichen und moralischen Punkt seiner Deutung. Gleich am Anfang geht es um ein schon älteres Hethiter-Sklavenkind, das die doppelte Absurdität der biblischen Geschichte verdeutlichen soll: Nicht nur unschuldige Kinder werden gekillt, es wird auch nicht zwischen „Guten“ und „Bösen“ unterschieden. Mit jeder Station steigert sich der Schwierigkeitsgrad des Rätsels und baut damit in gewisser Weise über die Rätsel eine Spannung auf, die sich im letzten, einfachen Rätsel um die Ermordung des Königskindes und den Zugang zu den Goldkammern entlädt.

Diese trockene, die Bibel beim Wort nehmende Sprache führt zu einem besonderen Horror, der mich selbst zum Bösen im landläufig als gut Empfundenen macht. Ich habe noch nie ein Spiel gesehen, in dem ich nicht nur killen musste um durchzukommen, sondern in dem ich es auch noch so kreativ und bisweilen begeistert versucht habe. Und zwar rätsellösend im Bewußtsein aller moralischer Abgründe. Am Ende dieser letztlich linearen, aber eindrucksvollen Gegengeschichte zur den meist fundamentalistisch anmutenden Bible Retold-Stories beschleicht mich das Gefühl des Spielers, „that today justice and good has been exacted by your hand. You are made to feel... proud.” Am Schluss verrät die Autorin noch eine Kommentar-Funktion, mit der sich zu jeder Szene aufschlussreiche Notizen abrufen lassen. Auch als recht kurzer Beitrag ein Favorit dieser IF-Comp!

Zuletzt geändert am 18.10.2011 23:35 Uhr.

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