de Die schwarze Lilie (04/2015)

Textadventure ★★★★★★★★★   [?]
von Hannes Schüller
Publisher:keine

Die Hauptfigur entpuppt sich nach romantischen Rückerinnerungen als Teil eines vielschichtigen Krimis. Siegerbeitrag zum IF Grand Prix 2015 (gemeinsam mit Die Akte Paul Bennet).

Deutsche Fassung des Beitrags The Black Lily auf der IF-Comp 2014.

Review von proc 02.05.2015

Inhalt/Feelies:Cover, Lösung
Plattform:Z-Code
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Spoiler:
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Review von proc 02.05.2015     ausblenden

Dieser Beitrag enthält Spoiler, die den Spielspaß verderben. Wer das Spiel noch nicht gespielt hat, sollte nicht weiterlesen.

Zur englischen Fassung vom Oktober 2014 habe ich mich bereits geäußert, und auch die deutschsprachige Fassung habe ich getestet, also recht häufig gespielt. Ich möchte aber betonen, dass ich das Spiel bis heute nur als Spieler kenne, autorenseitige konzeptionelle Linien oder Details sind mir nicht bekannt. Statt eines nochmal neuen Reviews versuche ich daher zusammenzufassen, was mir im Spiel am besten gefallen hat.

Starke Spoiler! Bitte nur als Kenner/in der Geschichte weiterlesen!

Die Story ist einfach: Eine Erzählerfigur im Rom der 70er rückerinnert sich abends in ihrer Wohnung an vier Frauengeschichten und geht am nächsten Tag in den eigenen Laden, was zumeist auf krasse Weise endet. Und sie wird insofern ziemlich kompliziert, als die Identität des Erzählsubjekts immer verworrener wird. Insbesondere die vierte Frauengeschichte ist derart abstrakt erzählt, dass sich verschiedene mögliche Vorgänge gleichzeitig darin hineinprojizieren lassen. Als interessantestes Element der Story erscheint daher die Erzählperspektive, die durch einzelne Zusammenhänge in den Rückerinnerungen verbunden mit möglichen Zuständen der Gegenwart und den Enden immer wieder neu erschüttert wird.

Wer einige Filme der Giallo-Großmeister Mario Bava und vor allem seines Schülers Dario Argento gesehen hat, dürfte erzählerische Analogien erkennen und nach einigen Durchspielen davon ausgehen, dass diese Ungreifbarkeit der Erzählerfigur Gegenstand der Erzählung sein muss. Die einzelnen Kapitel zitieren aus Bavas »Hatchet for the Honeymoon« (1970), wobei Argentos »The Bird with the Crystal Plumage« ebenfalls von 1970 nicht weniger aufschlussreich erscheint und vermutlich noch einige andere Filmbezüge darin stecken. Für mich ist ein wesentlicher Gesichtspunkt des Spiels dessen Hommage an dieses großartige Giallo-Kino der frühen 70er Jahre, das für immer mit diesen beiden Namen verbunden sein dürfte.

Hard Spoilers! Letzte Warnung!

Aus sich heraus ist die Erzählperspektive schwer zu begreifen und ich gebe zu, es bis heute nicht schlüssig geschafft zu haben. Nur stellt sich nach einigem Gegrübel die Frage, ob eine solche Schlüssigkeit überhaupt notwendig ist. Selbst wenn sich eine Stoßrichtung herauskristallisiert hat, also die offensichtliche Schizophrenie der Erzählerfigur mitgedacht wird: Spielt es eine Rolle, ob Besessenheit im Spiel steckt, ein zweiter Kopf wie in Bavas Hatchet oder eine Wirrnis von Identitätserwartungen wie in Argentos Crystal Plumage? Dieser »Textfilm« ist für mich zu einem Experiment mit der Erzählperspektive geworden, die üblicherweise als klar ersichtlich vorausgesetzt wird. Gerade in den letzten Jahren sind Geschichten erschienen, die diese Erwartung zumindest als Spannungsmoment eingangs auflösen wie etwa das Lovecroftsche Erzählsubjekt in Lynnea Glassers Coloratura, um im Verlauf der Geschichte konkretisiert und handhabbar gemacht zu werden. Das ist in der Lilie nicht der Fall, das Erzählsubjekt bleibt dunkelschwarz. Dieses Herumtappen im Dunkel der Erzählperspektive hat mich an diesem Spiel gleichermaßen verstört wie fasziniert, zumal es in der Ich-Form erzählt wird und dadurch auf den Spieler zurückwirft. Ein erzählerisches Meta-Rätsel, wenn man so will, das einen irrsinigen Interpretationsraum bis weit zurück in die Kindheit der Erzählfigur aufspannt, besonders stark dann in nur angedeutete Regionen wie die über die kaum, aber doch über wenige Artefakte erzählte Vaterfigur, deren Kontrast zur deutlicheren Mutterfigur wiederum Zweifel an den Vorgängen zu streuen vermag. Ein Spiel, das verunsichert. Eine leicht erspielbare und in jeder Interpretation verständliche Unbegreifbarkeit. Horror vom Feinsten, würde ich sagen, in diesem Spiel ist nichts, aber auch gar nichts wie es scheint.

Zuletzt geändert am 02.05.2015 16:52 Uhr.

Die schwarze Lilie
Cover-Artwork
Die schwarze Lilie
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