en Moquette (09/2013)

Multiple Choice-Textadventure ★★★★★☆☆☆☆☆   [?]
von Alex Warren
Publisher:keine

Der Spieler reist auf der Suche nach der verlorenen Zeit durch die Londoner Subway-Welt. In seinen Eindrücken und Erinnerungen entsteht ein Charakter, der aus der Monotonie seines Lebens nicht auszubrechen vermag. Beitrag zur IF-Comp 2013, der den 15. von 35 Plätzen belegte.

Review von proc 27.10.2013

Plattformen:Quest, Online
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» Genres » Real Life » Beziehung
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» Internationale Wettbewerbe & Projekte » Interactive Fiction Competition » 19. IF-Comp 2013

Review von proc 27.10.2013     ausblenden

Dieser Beitrag enthält Spoiler, die den Spielspaß verderben. Wer das Spiel noch nicht gespielt hat, sollte nicht weiterlesen.

Die Sitze der Londoner Subway bestehen aus einem patchworkartigen  Bezug, wofür sich nach einem Geschenk Louis XVI. an George Washington der französische Begriff »Moquette« für Teppichboden im Angelsächsischen festgesetzt hat. Seine Haupteigenschaften sind die wiederkehrenden Muster, die Illusion von wertvollem Samt und die leichte Abwaschbarkeit.

Die so benannte Multiple Choice-Geschichte des  Quest-Entwicklers Alex Warren vermittelt eine ziellose Reise durch die Londoner Untergrundwelt, in deren Strom von Eindrücken sich der Charakter des Spielers patchworkartig andeutet. Er kann das riesige Subway-Netz nutzen, umsteigen oder auch sitzen bleiben und beobachten, wie ein Mann eine Biografie von Kurt Cobain liest, ein Akademiker sich über ein thrombozytisches Funktionsstörungspamphlet beugt, bisweilen steigern sich die Gedanken in erfrischend vulgäre Beobachtungen etwa einer herlächelnden Frau und der Frage, »Mein Schwanz hängt doch nicht raus, oder?« oder dem »Hallo« einer verpassten Liebschaft »gepfiept wie ein Rattenfurz«. Es ist Heather, die nach längerer Ziellosigkeit erscheint, dem Bewusstseinsstrom in einem Smalltalk aber nur ein weiteres Patchwork-Element verpasst. Der Spieler fällt danach zwar in Ohnmacht, kaum aufgewacht geht die ziellose Reise aber weiter und endet schließlich unvermittelt an einer beliebigen Station: »This is Oval.« Schluss.

Bemerkenswert an diesem Spiel sind die Sprache und die in die Gefühlswelt des Protagonisten passenden Überblendungseffekte beim Umsteigen auf eine andere Bahnlinie, die im übrigen exakt der London Tube Map entspricht. Die Sprache plätschert dahin, funkelt manchmal mit unerwarteten Eindrücken hervor und unbedeutende Beobachtungen schaukeln sich hier und da zu Gedanken auf, die das Bild eines Menschen andeuten, der aus der ewigen Wiederkehr des Gleichen in seinem grauen Leben ausbrechen will. Es bleibt offen, ob er es hinbekommt, alles deutet jedoch auf einen unerfüllbaren Traum hin. Von daher funktioniert diese Geschichte für mich nicht ganz, aber in dem Sinn, wie Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit nicht als traditionelle Geschichte funktioniert: Sie wird von zufällig wirkenden Eindrücken und motivischen Wiederholungen getragen, die einer monotonen Reise teils sprachlich, teils inhaltlich Spitzen und Täler geben, aber insgesamt ein Hintergrundrauschen bleiben, aus dem sich nur Heather kurz als weiterer unerreichbarer Traum heraushebt, um im Paukenschlag eines Ohnmachtsanfalls wieder zu verschwinden. Die Sprache könnte den Leser aufsaugen, wenn sich nicht so viele Elemente wiederholen würden. Ein Schluss ist offenbar nicht gewollt, so dass die ziellose U-Bahnreise am Ende für das monotone Leben des Protagonisten steht, aus dem er nicht herausfindet. Eine etwas andere Geschichte, die mir aber gut gefallen hat.

Zuletzt geändert am 27.10.2013 13:40 Uhr.

Moquette
Online (Quest 5)