en Their angelical understanding (09/2013)

Multiple Choice-Textadventure ★★★★★★☆☆☆☆   [?]
von Porpentine
Publisher:keine

Eine Frau lebt zurückgezogen in einem Kloster, nachdem ein Engel sie tief verletzt hatte. Nun ist der Tag erreicht, an dem sie das Kloster verlässt und sich diesem Engel stellt. Lyrischer Beitrag zur IF-Comp 2013 voller Symbolik und Experimentierlust am JavaScript-basierten Twine-System, der den neunten von 35 Plätzen belegte und beim Voting der Comp-Autoren den zweiten Platz belegte.

Das Spiel erhielt den XYZZY Award 2013 in der Kategorie Best Writing.

Review von proc 29.10.2013

Plattformen:Twine, Online
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» Spieler-Charaktere » Weibliche Hauptdarstellerin
» Technik » Literarische Experimente
» Technik » Sound
» Internationale Wettbewerbe & Projekte » Interactive Fiction Competition » 19. IF-Comp 2013
» Internationale Wettbewerbe & Projekte » Interactive Fiction Competition » Miss Congeniality Awards » Miss Congeniality 2013
» Internationale Wettbewerbe & Projekte » XYZZY Awards » XYZZY Awards 2013

Review von proc 29.10.2013     ausblenden

Dieser Beitrag enthält Spoiler, die den Spielspaß verderben. Wer das Spiel noch nicht gespielt hat, sollte nicht weiterlesen.

Eine von einem Engel tief verletzte Frau, unklar ob nur seelisch oder auch physisch, hat sich in ein Kloster am Meer zurückgezogen und lebt lange Zeit nur verinnerlicht etwa mit ihrem Gesicht, das sich in Flaschen spiegelt. Deren Inhalt lässt sich freilich auch trinken, er schmeckt süß mit etwas Bitterkeit. Nach einigen Erkundungen ist der Punkt erreicht, an dem sie sich diesen Verletzungen stellen und das Kloster verlassen kann. Damit beginnt eine poetisch-surreale Reise in dieses Ich.

Und das ist aus zwei Gründen schwer zu fassen: Zum einen liest sich der lyrische Text hochgradig metaphorisch und vermischt sich mit formalen Twine-Ausdrucksformen, die in den durchgehend angenehm kurzen Texten in diesem Spiel das Pacing erzeugen. Innerlichkeit spiegelt sich beim Überstreichen mancher Links im Aufblitzen neuer Textpassagen innerhalb eines dargestellten Textes, die manchmal durch Sackgassen-Links mit kurzen Eindrücken und Gedanken verlängert werden, bisweilen übernehmen diese Aufgabe auch zeitgesteuerte Texteinblendungen. Dem stehen endlose Passagen entgegen, die sich nur seriell durchschreiten lassen wie das in Zig Steps zerstückelte Gedicht » Drip«, das Porpentine bereits im Juli 2013 veröffentlicht hat. Dazwischen, wie die Autorin selbst tagged, » potential epilepsy triggers« stroboskopisch blinkender Hintergrundfarben als Schrei eines Gedankens, bisweilen nur blinkend rufende Links, manchmal ganze Sätze in Kapitalen, fehlende oder merkwürdig gesetzte Interpunktion.

Zum anderen sind Stolpersteine von JavaScript enthalten, die zu vielen Fehlermeldungen insbesondere bei den Sound-Macros führen und am Ende meinen aktuellen Firefox (Windows) mit einem Speicherfehler aufgehängt haben, nachdem zwei Gigabytes voll waren. IE9 stellt wie K-Meleon nicht einmal den dunklen Hintergrund dar so dass die weiße Schrift verschwindet. Diese technischen Hürden beiseite, hat die Geschichte einen experimentellen und einen lyrischen Reiz, die für mich aber beide nicht funktionieren. Die genannten grafischen Effekte sind bereits bekannt und, kennt man einige Cyberpunk-Produktionen, auf Dauer nervig. Insbesondere die zeitgesteuerten Ereignisse oder technisch unausgegorenen Soundeinblendungen, die bei Benutzung des Back-Button im Browser zu Fehlern führen wenn man denn nochmal etwas nachlesen will, was bei mir zumindest oft passiert. Im Sugarcane-Template von Twine fehlt eben der Überblick, und Lyrik provoziert geradezu die Rückschau auf vergangene Gedanken – es sei denn, es gibt nichts zu verstehen Sollendes. Stroboskopisches Hintergrundgeblitze und schwer lesbare Textpassagen in Kapitalen grenzen für mich an kindliche Experimente und zerstören damit tendenziell die Wirkung des Inhalts.

Unterm Strich bleiben zwei Eindrücke: Howling dogs stand von der Breitenwirkung her mehr oder weniger am Anfang dieser »Twine experience« und funktionierte, weil formale Effekte noch neu waren und hinter Verklausulierungen eine Geschichte erkennbar war, die durchaus chemische Spuren im Hirn hinterlassen kann. In Angelical ist die erzählerische Situation zerfahrener, ich habe viel zu lange gebraucht um zwischen den Spielereien überhaupt mitzubekommen worum es gehen könnte, was für einige Spieler, gemeint sind auch Spielerinnen, schon einer Abbruchbedingung nahekommen dürfte. Der zweite Eindruck ist mehr genereller inhaltlicher Natur: Dieser »neue Feminismus«, wie er sich auch in Impostor Syndrome äußert und sich Twine als Werkzeug einer neuen Ausdrucksform bedient, hat im Kern immer das hochsymbolisch verwendete Thema der Verletzung eines weiblichen Ichs, um die seine Geschichten lyrisch beschreibend mäandern. Solche Themen, zu oft geäußert, können sich verbrauchen und in diesen heftig applaudierten »Twine experiences« konnte ich noch keine Geschichte erkennen, in denen es über Selbstbemitleidung und Larmoyanz hinaus um Auswege oder Schlussfolgerungen ging. Auch in Angelical nicht, zumindest bis zum Browsercrash im Endgame. (Verwendet wurde die Offline-Version vom 29.09.2013, mittlerweile ist eine überarbeitete Version verfügbar.)

Zuletzt geändert am 29.10.2013 15:08 Uhr.

Their angelical understanding
Twine